Die vier Weisen aus dem Morgenland I

 

Erzähler:      Als die drei Weisen aus dem Morgenland nach Jerusalem kamen, stellten sie mit Schrecken fest, dass sie ihren vierten Kollegen verloren hatten. Er musste sich wohl verirrt haben. In der Wüste vom Weg abgekommen und in die falsche Zeit geraten. Jedenfalls tauchte der vierte Sternkundige auf seinem Kamel, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht, im 20.Jahrhundert, in Mitteleuropa auf.

4. Weise:       Verzeihung, ich suche den neugeborenen König

Erzähler:      .... sprach er einen Passanten an, das Kamel am Zügel haltend.

4. Weise:       Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und ich bin gekommen, um ihm zu huldigen.

Erzähler:      Der Passant schmunzelte über so viel Ahnungslosigkeit bei den Ausländern.

Passant:       Wir haben keinen König.

4. Weise:       Ach, und wer regiert Sie denn?

Passant:       Wir regieren uns selber, wir sind eine Demokratie.

4.Weise:        Interessant, aber diese vielen Lichter überall, die sehen aus, als leuchteten sie für einen beliebten Herrscher.

Passant:       Ach das, ne das ist nur wegen Weihnachten.

4.Weise:        Was ist das, Weihnachten?

Passant:       Oh, ein Fest, ein alter Brauch.

4.Weise:        Und was feiern Sie da? Hat das nicht mit einem Neugeborenen zu tun, einem der Frieden bringt und den Menschen hilft? Ich erwartete einen Heilbringer zu finden.

Passant:       Ja, schon, irgendwie hat es damit zu tun, damals ist Christus geboren, aber das ist schon lange her.

4. Weise:       Und Sie feiern es heute noch? Dann muss dieser Christus sehr wichtig für Sie sein.

Passant:       Och, kann man eigentlich nicht behaupten.

4. Weise:       Oder er ist ein mächtiger Herrscher.

Passant:       Ne, ne, heute hat er nichts mehr zu sagen.

4. Weise:       Aber beliebt ist er sicher!

Passant:       Kaum, den meisten ist er gleichgültig.

Erzähler:      Obwohl diese Antworten nicht gerade ermutigend waren ahnte der vierte Weise aus dem Morgenland, dass er hier auf die Spur des neugeborenen Königs gestoßen sein musste; des Königs, den der Stern angekündigt und um dessentwillen er sich auf den Weg gemacht hatte. Also bohrte er nach.

4. Weise:       Aber wenn der Christus für Sie nicht wichtig ist, warum feiern Sie dann seinen Geburtstag, nach so langer Zeit?

Passant:       Das ist eben so üblich, und das ist ja auch ein schönes Fest. Jeder feiert gerne Weihnachten.

4. Weise:       ha, ah ha!....... 

Erzähler:      sagte der Weise: A- ha! und beschloß, weiter nach dem Sinn von Weihnachten zu forschen. Da musste doch mehr dahinterstecken; vielleicht hatte nur dieser Mann die wahre Bedeutung von Weihnachten nicht begriffen. Wie kann man nur einen Anlass feiern von dem man nichts hält? Seltsame Leute gab es hier in dem naßkalten Germanien.

 

Die vier Weisen aus dem Morgenland II

 

Erzähler:      Als die drei Weisen aus dem Morgenland nach Jerusalem kamen, stellten sie mit Schrecken fest, dass sie ihren vierten Kollegen verloren hatten. Er musste sich wohl verirrt haben. In der Wüste vom Weg abgekommen und in die falsche Zeit geraten. Jedenfalls tauchte der vierte Sternkundige auf seinem Kamel, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht, im 20.Jahrhundert, in Mitteleuropa auf.

4. Weise:       Verzeihung, ich suche den neugeborenen König....

Passant:       Wen?, wohl zu viel Regenbogenpresse gelesen, wie?

Erzähler:      Diese Gegenfrage verwirrte den Weisen ein wenig, aber mit Hilfe seiner ersten Recherchenergebnisse konnte er seine Frage etwas präzisieren.

4. Weise:       Weihnachten, dieses Fest was Sie hier so groß feiern.

Passant:       Was ist damit?

4. Weise:       D., das hat doch mit einem neugeborenen König zu tun nicht war, ist es nicht der, von dem die alten Schriften sagen, das er wunderbarer Rat, Gott, Held, ewig Vater, Friedefürst sein soll?

Passant:       Ach so, sie spielen auf diese alte Sache an. Ja, und was wollen Sie da nun wissen?

4. Weise:       Was es mit dem König auf sich hat und wo, wo ich ihn finde.

Passant:       Finde?

4. Weise:       Ist es nicht sein Fest, dieses Weihnachten?

Passant:       Och, wissen Sie, also wenn man es historisch betrachtet mögen Sie nicht ganz unrecht haben, aber diese Betrachtungsweise ist doch sehr in den Hintergrund gerückt.

4. Weise:       Ach, und was steht im Vordergrund?

Passant:       Naja

Erzähler:      sagte der Gefragte, wand sich etwas und überlegte. Den vierten Weisen wunderte das, denn wenn etwas im Vordergrund steht, sollte man annehmen, dass es allen bekannt ist.

Passant:       Wissen Sie, Weihnachten ist das Fest der Familie.

4. Weise:       Ach

Passant:       ja, und das Fest der Kinder....

4. Weise:       weil da der neugeborene König?

Passant:       nein, die Neugeborenen kriegen ja noch keine strahlenden Augen unterm Weihnachtsbaum, ein bisschen älter müssen sie schon sein, das sie auch die Geschenke würdigen können, denn Weihnachten ist auch das Fest der Geschenke.

4. Weise:       Ach....

Passant:       ja, und das Fest der Nüsse und der Lebkuchen, aber natürlich auch das Fest der Liebe und des Friedens, das Fest der Lichter und der Lieder, das Fest der....

4. Weise:       ja, wie denn das? Alles steht jetzt im Vordergrund?

Passant:       Ja, bei dem Einen mehr dieses, beim Anderen mehr jenes.

4. Weise:       Und der neugeborene König?

Passant:       Was haben Sie denn immer mit Ihrem neugeborenen König? Das interessiert doch keinen mehr.

Erzähler:      Das war für unseren Freund aus Messobotanien wie ein Schlag, was er da hörte, Aber er wollte die Hoffnung noch nicht aufgeben. Vielleicht kam er ja doch noch ans Ziel, wenn er an dem verwirrenden Vordergrund vorbei sein Augenmerk auf den Hintergrund richtete.


 

Die vier Weisen aus dem Morgenland III

 

Erzähler:      Als die drei Weisen aus dem Morgenland nach Jerusalem kamen, stellten sie mit Schrecken fest, dass sie ihren vierten Kollegen verloren hatten. Er musste sich wohl verirrt haben. In der Wüste vom Weg abgekommen und in die falsche Zeit geraten. Jedenfalls tauchte der vierte Sternkundige auf seinem Kamel, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht, im 20.Jahrhundert, in Mitteleuropa auf.

4. Weise:       Verzeihung, ich suche den neugeborenen König.........

Erzähler:      sprach er einen Basarbesitzer an. Man nannte die Basare hier Kaufhäuser oder Supermärkte. Aber der Mann war sehr in Eile und hantierte weiter mit Papieren und Münzen, denen allerdings unser Freund auf den ersten Blick ansah, dass sie nicht aus echtem Gold oder Silber waren.

Basarbes.:   König, Handpuppen und Marionetten sind da drüben. Ich bin sicher, da muss noch ein König bei sein, obwohl natürlich die Auswahl so kurz vor Weihnachten nicht mehr so groß ist.

4. Weise:       Ich meine, den Neugeborenen.

Basarbes.:   Eh, Babyartikel gibt es im 2.Stock eh, 27, 28, 29

4. Weise:       ich wollte nichts kaufen, verehrter Herr, ich bitte nur um eine Auskunft.

Basarbes.:   Ich habe nicht viel Zeit, bitte haben Sie Verständnis, natürlich ist bei uns der Kunde König, aber....

4. Weise:       König?

Basarbes.:   Ich meine der Kunde ist uns sehr wichtig, na aber bedenken Sie, dass zu Weihnachten bei uns Hochbetrieb herrscht.

4. Weise:       Um Weihnachten geht es mir bei meiner Frage. Können Sie mir etwas zu dem eigentlichen Sinn von Weihnachten sagen?

Basarbes.:   Hm, aber natürlich! Wenn wir Weihnachten nicht hätten, nee. Da machen wir ein viertel unseres Jahresumsatzes. Es ist natürlich immer ein ziemlicher Stress, aber, hm, ich will mich nicht beklagen.

4. Weise:       Ach, dann ist also Weihnachten eine Einrichtung, die die Händler ins Leben gerufen haben?, ich dachte, es hinge mit dem König zusammen, also Christus heißt er wohl.

Basarbes.:   Ja, natürlich; auch, irgendwie; aber Sie irren sich wenn Sie denken, nur wir Geschäftsleute hätten einen Nutzen von Weihnachten. Sie können das vielleicht nicht verstehen, weil Sie aus einem Entwicklungsland kommen, aber wir, in den hochzivilisierten Industrieländern sind auf den Konsum angewiesen. Der Umsatz der Gebrauchsgüter muss florieren, sonst stoppt die mangelnde Nachfrage die Produktion. Das bringt Arbeitslosigkeit mit, die wiederum hat Steuerausfälle zur Folge und die Staatsfinanzen.........

Erzähler:      hier drehte sich der Weise aus dem Osten um und ging. Er hatte den Eindruck, er sei es seinem Gastland schuldig, da er nicht seine Staatsfinanzen durcheinander brachte, indem er diesen Basarbesitzer von der Arbeit abhielt.


 

Die vier Weisen aus dem Morgenland lV

 

Erzähler:      Als die drei Weisen aus dem Morgenland nach Jerusalem kamen, stellten sie mit Schrecken fest, dass sie ihren vierten Kollegen verloren hatten. Er musste sich wohl verirrt haben. In der Wüste vom Weg abgekommen und in die falsche Zeit geraten. Jedenfalls tauchte der vierte Sternkundige auf seinem Kamel, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht, im 20.Jahrhundert, in Mitteleuropa auf.

4. Weise:       Verzeihung, ich suche den neugeborenen König....

Erzähler:      sprach er einen Passanten an. Von dessen Reaktion war er allerdings überrascht. Gerne gebe ich Ihnen was, wo ist denn Ihre Büchse?

4. Weise:       Ww, was für ´ne Büchse?

Passant:       Na, ist das nicht ein Zirkuskamel? Sammeln Sie denn nicht für die Zirkustiere im Winterquartier?

4. Weise:       Nein, das ist mein Reittier.

Passant:       Oh, entschuldigen Sie bitte, ich dachte nur, weil Sie da mit dem Kamel

4. Weise:       .......ich hatte nur eine Frage gestellt.

Passant:       Ach ja, wie war noch mal die Frage?

4. Weise:       Ich suche den neugeborenen König, wir haben seinen Stern gesehen und ich bin gekommen

Passant:       ach, verstehen Sie was von Sternen?

4. Weise:       Allerdings, das ist mein Beruf.

Passant:       Da zeige ich Ihnen gern den Weg zur Sternwarte, - mit Ihrem Kamel können Sie da natürlich nicht rein - , aber sonst ist man offen für Besucher; Sie haben oft ausländische Studenten da im astronomischen Institut......

4. Weise:       versteh' ich Sie richtig, dass das, wovon Sie da sprechen eine Einrichtung ist, mit der man die Sterne beobachtet?

Passant:       Ja, natürlich.

4. Weise:       Hat man da auch diesen neuen Stern gesehen, der auf den König hinweist?

Passant:       Neu war meines Wissens nur der Komet neulich mit dem japanischen Namen, aber von einem König hab' ich in diesem Zusammenhang nichts gelesen.

4. Weise:       Ja Weihnachten, also der König, dessentwegen man Weihnachten feiert, der soll ein mächtiger Herr sein, der aber seine Macht nicht für sich einsetzt, sondern um die Menschen zu retten und ihnen Frieden zu bringen. Wir sind sicher, dass der Allmächtige uns durch den Stern seine Ankunft anzeigte. Ja da muss es doch wichtig sein, verstehen Sie.........

Passant:       ach so, hm, ja, ich dachte Sie wären ein intelligenter nüchterner Gegenwartsmensch. Gehören Sie vielleicht doch zu dieser anderen Sorte von Sternguckern, den Astrologen statt den Astronomen? Ich kann Ihnen gerne meine Zeitung borgen, da steht das Horoskop drin. Was sind Sie denn?

4. Weise:       Ein Gelehrter aus dem Osten der..........

Passant:       nein, ich meine, in welchem Sternzeichen sind Sie geboren? Ach so, hm, darf ich mal sehen? Ah, so sieht es aus, wie das hier.

Passant:       Aha, Stier; da steht für heute, warten Sie mal, der Tag ist günstig etwas zu finden, was Sie schon lange suchen.

4. Weise:       Na, Sie scheinen da nicht so genau hingeguckt zu haben.


 

Die vier Weisen aus dem Morgenland V

 

Erzähler:      Als die drei Weisen aus dem Morgenland nach Jerusalem kamen, stellten sie mit Schrecken fest, dass sie ihren vierten Kollegen verloren hatten. Er musste sich wohl verirrt haben. In der Wüste vom Weg abgekommen und in die falsche Zeit geraten. Jedenfalls tauchte der vierte Sternkundige auf seinem Kamel, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht, im 20.Jahrhundert, in Mitteleuropa auf.

4. Weise:       Verzeihung, ich suche den neugeborenen König....

Deuter:          Ach, Sie sind Ausländer, die sind uns immer besonders herzlich willkommen.

4. Weise:       Eh, das freut mich aber. Man verwies mich an Sie, wissen Sie, wir haben den Stern des neugeborenen Königs im Osten gesehen und so bin ich gekommen, um ihm zu huldigen. Aber niemand konnte mir etwas genaueres darüber sagen. Nur so viel hab' ich mitgekriegt, dass es mit diesem Fest, mit Weihnachten, zusammenhängen muss. Man sagte mir, ich sollte mich an Sie wenden, Sie wären Fachmann dafür.

Deuter:          Ja, das ist richtig, ja in der Kirche haben wir......

4. Weise:       Kirche, das ist dieses große Gebäude, nicht war? mit Turm, das in jeder Stadt zu finden ist, ha, wohl so eine Art Verwaltungszentrale des Königs, imponierend.....

Deuter:          Nein, das trifft die Sache nicht ganz. Der König, den Sie meinen ist ja nicht hier; also wir glauben und halten zwar daran fest, dass er unsichtbar gegenwärtig, eben hier und heute sozusagen, verstehen Sie, aber nicht wie Sie denken.....

4. Weise:       a-, aber warum feiern Sie ihn dann zu Weihnachten?

Deuter:          Sehen Sie, der historische Hintergrund ist von großer Bedeutung, die Volkszählung des römischen Kaisers Augustus, die in Lukas 2 Vers 1 erwähnt wird, sollte hier die Grundlage für eine Neuordnung des Staatswesens bilden, sie begann 27 vor Christus in Gallien und dehnte sich auf die anderen Provinzen aus. Etwa 12 vor Christus begann sie in Syrien, wo sie von dem römischen Militärbefehlshaber auch außerbiblisch bezeugt wird. Das System dieser Zählung verlangte nun.....

Erzähler:      je länger der Fachmann redete von historischem Bezug und von Kerükma und ähnlichen unverständlichen Begriffen, desto mehr drehte sich alles in seinem Kopf. Enttäuscht wandte er sich schließlich ab, bedankte sich höflich und murmelte im Fortgehen........

4. Weise:       ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig ist, den König zu finden.

Erzähler:      Es ist nicht überliefert ob es ihm doch noch gelang, aber all seinen Erfahrungen zum Trotz soll es Leute geben, die den Friedenskönig gefunden haben.